Das Metropol - Ist da jemand?
Ich habe hier eine Geschichte zum Ende des Hotels Metropol in Münchenaus der “Die Zeit” gefunden.
Warum mir die Story einen Eintrag wert war, ist dass ich im Februar 1995 dort meinen Abschluss als Hotelfachmann gemacht habe und viele Erinnerungen an das Hotel habe.
Leider auch nur Erinnerungen und diese Story. Ich habe kein einziges Bild mehr vom Hotel auftreiben können. Dafür bieten einige Online-Reisebüro’s dort immer noch Zimmer an - mit Adresse und Telefonnummer. Dass das Hotel inzwischen abgerissen wurde und dort ein neuer Edelschuppen steht, scheinen einige nicht zu wissen.
Ach ja, falls jemand Bildmaterial dazu hat, ich würde mich sehr darüber freuen!
Ist da jemand?
Ein Hotel in München steht seit Jahren leer - perfekt eingerichtet. Jetzt wird es abgerissen. Unser Autor verbrachte dort eine Nacht, allein, als letzter Gast. Doch er schien nicht der Einzige zu sein.
Mitten in München, gegenüber dem südlichen Eingang des Hauptbahnhofs, in der Bayerstraße 43, steht das Hotel Metropol. Sechs Stockwerke hoch, 260 Zimmer, 320 Betten. Es ist menschenleer und unbewohnt. In ein paar Wochen werden sie es abreißen. Dann werden sich selbst die Geister eine neue Behausung suchen müssen. Dann wird das Hotel Metropol verschwunden sein, für immer. Ich werde der letzte Bewohner sein.
Nachmittag. Es ist schwül, eine drückende Hitze ist in der Stadt. Sie haben mir den Schlüssel gegeben. Vor dem Haupteingang liegen verwehte Fetzen und anderes Kleinzeug. Auto und Menschenlärm. Im Sexyland gegenüber blinkt die Leuchtreklame.
Ich sperre auf. Der Schlüssel dreht sich mühelos. Wir gehen rein. Frau Ebner ist dabei. Sie arbeitet beim Baukonzern Philipp Holzmann, dem das Hotel gehört. Vorher hat sie drei Jahre in der Buchhaltung des Metropols gearbeitet. Sie macht eine Führung für mich, damit ich mich nachts nicht verliere. Der Geruch nach Abgestandenem ist sofort da. Und die Stille. Fünf Schritte, dann stehen wir auf dem Marmor. Rechts die Rezeption. Dunkles Holz.
Links ein Vorplatz. Drei Aufzüge.
Nehmen Sie nicht den Aufzug!
Gut.
Ein Name, den ich seit Tagen im Kopf habe, meldet sich. Jack Torrance.
Shining von Stephen King. Jack Nicholson mit der Axt.
Gehe nie in Zimmer 237. Etwas Schreckliches ist dort passiert.
Verletze das Tabu, und du wirst sehen.
Die Aufzüge sind seit der Schließung nicht mehr gewartet worden.
Im Aufzug gefangen. Da könnte man lange um Hilfe klingeln. Und ich habe kein Handy bei mir.
Wir hören nur uns selbst. Gedämpft. Das Klackern der Schritte. Die Eingangshalle ist riesig. In der Mitte liegt ein Teppich, acht mal zwölf Meter. Darüber die Glasdecke aus Vierecken. Wie ein Schachbrett. Der Lichtschacht. Von dort kommt die Helligkeit. Die Wände sind dunkel, mit Holz vertäfelt, auch die Säulen. Wie in einem Sarg, so eingemauert mit den eigenen Lauten und dem Herz. Jeder Ton geht einen an. Und jetzt ist es noch hell. Wie ist es, wenn man lebend begraben ist? Oder verschüttet, ganz ohne Licht?
Folge dem Gehirn.
Da ist die Bar. Dahinter Kühlraum und Büros. Da war mein Büro. Die Telefonhäuschen. Zirbelstube. Und da geht’s zur Tiefgarage. Das Licht da brennt die ganze Nacht, sagt sie und zeigt herum.
Frau Ebner ist ein fröhlicher Mensch.
Hinter der Bar steht die Kaffeemaschine. Gläser stehen sauber hinter Glasscheiben. Die Drehhocker mit rotem Leder. Kein Staub. Eine Lichterkette hängt an der Decke.
Es ist ja alles da. Man müsste nur anfangen, und die Gäste könnten wieder kommen. Dennoch: Das ist ein allein gelassener Ort ohne Zufälligkeiten.
Gibt es kein Licht?
Die Sicherungen sind heraußen, sagt sie.
Und die Zimmer?, frage ich.
Da müssen wir rauf!
Wir steigen eine der zwei großen Freitreppen zum Zwischengeschoss hinauf.
Eine Wolke die vorbeizieht, macht die Halle augenblicklich dunkler. Wir reden plötzlich leiser. Hier war das Restaurant. Tische, darauf die Stühle gestellt.
Hier in der Ecke ist immer der Paul Sauer gesessen und hat die Halle und die Rezeption überwacht.
Alte Luft riecht so. Ich sehe keine Fotografien. Nichts Persönliches.
Ölbilder mit Bergmotiven hängen an der Wand. Aber keine Menschenzeichen.
Die Küche blitzt. Messer kleben an einer Magnetleiste. Töpfe. Wenn das Wort GRAS auf dem Edelstahlbrett stünde, könnte man das Spiegelbild im Suppentopf lesen.
Wie lange würde es dauern, das Haus so herzurichten, dass man es aufsperren kann?, frage ich.
Zwei Wochen. Mit Betten beziehen und allem. 14 Tage.
Wir gehen durch eine Glastür. Hier ist das Stiegenhaus, das zum ersten Stock und dann zu den Zimmern führt. Es windet sich in einer Ellipse nach oben, mit einem schnörkellosen Handlauf. Sehr schön. Die Bescheidenheit der fünfziger Jahre. Wir schauen nach oben. Was wäre, wenn man von da herunterfiele? Der zusammengestauchte Körper. Der Kopf geplatzt. Die Beine in den Bauch gestaucht. Ein Bündel. Und viel Blut. Schöne Vorstellungen, die sich hier frei machen.
Erster Stock. Auf dem Vorplatz stehen zwei Sessel. Ein Lüftungsrad dreht sich im Wind und quietscht. Ratten hören sich so an. Und Mäuse, gibt es die?
Andererseits, es ist kein Essen mehr da.
Welches Zimmer wollen Sie denn?
Ist mir egal. Ein schönes, sage ich.
Frau Ebner lacht.
Alle Zimmertüren sind offen. Im lautlosen Gespräch stehen sich Stühle gegenüber. Der Lärm wär groß, wenn sich Dinge im Lauf der Jahre auf die Nerven gehen könnten. Autogeräusche.
Geht hier das Licht?, frage ich.
Nein. Vielleicht können wir für ein Zimmer die Sicherungen reintun.
Der Teppich schluckt die Schritte. Das L macht einen Knick, dreißig Meter langer Gang. Glastür. Lautsprecher für die Notdurchsagen. Der Plan für den Brandfall hängt da. Hinter der Blechtür verbirgt sich der Spritzschlauch.
Hier!
Zimmer 128. Ein Doppelzimmer.
Gut, sage ich.
Frau Ebner dreht an einem Wasserhahn und drückt den Spülknopf der Toilette.
Das Wasser geht.
Bad. Toilette. Schrank. Tisch. Zwei Stühle. Kofferablage. Doppelbett. Saubere Matratzen. Die Einrichtung erinnert an Skihotels. Rosa Vorhang. Weiße Stores.
Der Blick aus dem Fenster geht zum Lichthof. Flachdach mit Gräsern und Unkraut. Eine Leiter liegt da.
Das Licht geht an.
Geht, sagt Frau Ebner und steht plötzlich hinter mir.
Ich stelle meinen Rucksack auf den Boden. Die große Mag-Lite-Taschenlampe nehme ich mit nach unten. Herr Agreiter und Frau Benetatos kommen zu Besuch.
Er hat 39 Jahre als Empfangschef gearbeitet, sie 26 Jahre lang die Korrespondenz für das Metropol erledigt. Sie umarmen sich. Seit der Schließung sind sie zum ersten Mal wieder hier. Natürlich ist Wehmut in ihren Augen. Man hört noch die Leute, sagt sie.
Wir gehen herum. Agreiter erkennt seine Handschrift auf dem Gästespiegel und lacht. Die Namen der letzten Besucher stehen auf kleinen Kärtchen.
Hans Moser hat nach dem billigsten Zimmer gefragt. Louis Armstrong war auch hier, sagt er.
Der Computer ersetzte die letzten Jahre über das Gästebuch. Schade. Statt Handschriften gibt’s Disketten.
Es ist, als wären hier überall meine Fingerabdrücke, sagt sie.
Wir reden leise und gehen langsam. Vielleicht macht die Stille die Ehrfurcht.
Und das soll alles zusammengehauen werden, sagt er.
Ist eigentlich getanzt worden?, frage ich.
Aber nein, wo denken Sie hin, sagt sie.
Die große Halle und oben das Restaurant, das wäre ideal, sage ich.
Beide lachen.
Wenn das Licht im Restaurant an war und kein Gast da, dann hat der Sauer schon geschrien, sagt sie.
Wir gehen nach unten und setzen uns in eine der Sitzecken. Eigentlich trostlos, so ohne Menschen. Sie erzählen, wie es war. Wie es immer ist in einem großen Hotel. Das Leben. Die Diebstähle. Die Hochstapler. Die Nutten.
Der Trubel. Die einzige Bewegung, die es jetzt noch gibt, ist verblasener Staub.
Todesfälle?
Schon einige. Einmal, ein junger Franzose. Der hat Arbeit gesucht. Für eine Nacht hat er gemietet. Am andern Tag kommt der Zimmerdiener ganz blass runter und sagt, dass er da nicht mehr raufgeht. Da hat sich der Junge da am Türrahmen aufgehängt gehabt, sagt er.
Wissen Sie noch die Zimmernummer?
Das müsste 306 gewesen sein, sagt er. Unvermittelt steht er auf und geht zur Rezeption. Agreiter beginnt mit sich selbst zu reden. Er murmelt immer noch, der Agi, sagt Frau Benetatos und lacht.
Ich lasse die beiden allein. Ich muss mir noch für die Nacht Schlafsack und Kopfkissen ausleihen. Und im Grunde störe ich nur, wenn sie sich über alte Zeiten unterhalten wollen. Die Mag-Lite stelle ich hinter die Eingangstür.
1957 wurde das Metropol vom Gründer Paul Sauer eröffnet. Da war es das modernste Hotel Münchens. In den Siebzigern übernahm es sein Sohn Franz, und ab 1992 war dessen Sohn Manfred Geschäftsführer. Der Großvater war ein Patriarch. Und wie der Vater so der Sohn. Harte Männer, vor denen sich die Bediensteten gefürchtet haben. Das Brüllen muss in der riesigen Empfangshalle gut zu hören gewesen sein. 1995 stirbt Franz Sauer. Durch seinen Tod werden 51 Prozent der Gesellschaftsanteile an die Familie vererbt. Die will Geld und das Hotel jetzt verkaufen. Die Gesellschafterversammlung fällt diesen Beschluss einstimmig. Im Haus gibt es 80 Festangestellte und 40 Lehrlinge.
Sie arbeiten in den Bereichen Reservierung, Rezeption, Wäscherei, Küche, Restaurant, Büro und Etage. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Am 29. Juli 1996 wird allen Bediensteten gekündigt. Am 31. Dezember 1996 wird das Metropol zugemacht. Mit dem Neujahrstag beginnt der lange Schlaf. Nur der Hausmeister Wagner ist dreimal die Woche da und hält das Haus sauber.
Am 1. Januar 1999 kauft die Philipp Holzmann AG das Metropol.
Nacht. Die Hauptbahnhofsmenschen sind unterwegs. Vollmond. Leichter Wind. Ich drehe mich um, und erst dann schließe ich auf und hinter mir gleich wieder zu. Die Taschenlampe. Gehen. Die Stille legt sich leicht wie ein Kinderfinger auf die Lippen. Nur unter Wasser mag es leiser sein. In der Halle steht die Luft. Jetzt merke ich, was ich vermisse. Pflanzen. Da ist kein Grün. Nichts Lebendiges. Ich leuchte die Treppe nach oben. Wenn hier jemand ist, dann nur ich. Vergiss das nicht. Ich rufe. Kein Echo. Noch was? Nach was riecht es hier? Einen Moment bleibe ich stehen. Lass die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen, sage ich. Dass alles, was Schatten werfen kann, erkennbar ist.
Garderobenhaken. Fleischerhaken? Jack Torrance! Wie lange braucht man, um sich selbst verrückt zu machen? Kein Licht! Notfalls kann ich mit der Taschenlampe zuschlagen. Bei Dunkelheit sieht alles anders aus. Das Stiegenhaus. Der Film, Die Wendeltreppe. Die Mordopfer haben eines gemeinsam: Sie leiden an einem Gebrechen.
Der Schlafsack, den ich an mich drücke, verrutscht andauernd. Welches Zimmer habe ich? Ich trete fester auf. Harte Schritte. Für wen denn? Wen kann ich mit meinem Gehabe beeindrucken? Den Gang entlang. Der Lichtschein huscht immer wieder, fast eigenmächtig, weg. Neugierig bin ich. Die offenen Zimmer.
Hinter den Türen kann sich jemand gut verstecken. Im Nacken habe ich das Gefühl, dass mich gleich jemand antippen könnte. Spinnen, lassen die sich eigentlich auf Köpfe fallen?
Um die Kurve. Gut. Da ist das Zimmer 136. 136? Wo ist jetzt dieses Scheißzimmer? Ich gehe in Zimmer, die zum Hof führen, und drücke Lichtschalter. Nichts. Das ist doch nicht möglich, dass ich mich verirrt habe. Alles schaut anders aus. Vielleicht war’s ja doch der zweite Stock. Ich drehe um.
Da ist jemand!
Das Gefühl der Angst haut direkt in die Brust. Mein eigenes Spiegelbild in der Glastür. Die Umrisse eines Schattenmenschen. Die Angst kommt aus dem Kopf. Beruhige dich. Im zweiten Stock sind die Türen ja ganz anders. Da ist nie das Zimmer, in dem dein Rucksack ist. Es riecht auch mehr nach altem Wasser. Fast faulig, je weiter man den Gang geht. 217! Ich hab mir doch die Nummer aufgeschrieben. Ich gehe weg von 217. 128 steht auf dem Zettel. Ich drehe um. Deine Vorstellungen täuschen dich. Im Vorbeigehen drücke ich auf einen Aufzugsknopf. Augenblicklich erscheint die Stockwerksanzeige 4. Ich schaue. 3. Das Bad unten hatte eine Lampe über dem Spiegel in der Form einer Träne. 2! Und ein Bild. Segelboote auf dem Meer. Der Aufzug klingelt. Vor mir geht die Tür auf. Das Shining. Ein Aufzug voller Blut? Nein. Nur ich mit Taschenlampe im Spiegel. So ein dummes Gesicht.
Da ist das Zimmer. 128. Licht. Alles Licht, was da ist. Durch das Kippfenster weht Luft. Autos. Eine Kühlanlage. Brüllen. Ich rolle den Schlafsack aus und lege das Kopfkissen zurecht. Im Schrank sind keine Kleiderbügel.
Zehn Minuten auf dem Bett liegen. Eine Grille zirpt. Ich stelle mir vor, wie jemand auf dem Gang steht und Luft vor sich herschiebt, als wäre sie ein Schrank oder ein Wesen. Ich höre meinen Atem.
Sieh dir das Haus an!
Ich stehe ganz oben im sechsten Stock. Du musst nur über das Geländer gleiten. Im Fallen wird schon alles vorbei sein. Hier sind die billigen Zimmer, ohne Bad und Dusche. Mit der Taschenlampe vortasten. Muffig und drückend die Luft. Eisenstellagen. Da stehen Hundekörbe, mit Polstern. Nackte Matratzen. Jedes Stockwerk gleich. Bunte Glasbausteine. Auch renovierte Zimmer. Aber alles tot. Keine Lebenszeichen. Tote Dinge können nicht rebellieren. Stimmt nicht ganz. Holz arbeitet. Knacken. Eine Eisentür im vierten Stock. Ich klopfe. Keine Erwiderung. Feuerlöscher mit blauem Aufkleber: geprüft 4.96. Im dritten Stock steht vor den Aufzügen eine Schuhputzmaschine. Hier riecht es staubiger. Rostflecken in den Waschbecken.
Klospülung geht nicht. Winterlandschaft ist das Motiv auf einem Ölbild. In einem Zimmer ist ein Wasserschaden. Putz ist abgeschlagen. Hier ist schon länger nicht mehr gelüftet worden. 306. Da muss es gewesen sein. Da ist ein kleiner Gang mit Dusche, und da die Tür zum Schlafzimmer. Da am Rahmen muss er sich aufgehängt haben. Auch hier keine Kleiderbügel. Was war das Letzte, das du in deinem Leben gehört hast? Und was haben deine Augen noch gesehen?
Ich sitze in der Halle, mit dem Rücken zur Wand. So in der Dunkelheit wirkt sie wie ein Organ. Etwas Riesiges. Ein Saurierherz. Ein pulsierender Laut.
Ich fuchtle mit der Lampe herum, dann schalte ich sie aus. Das letzte Licht kommt von der Birne über dem Ausgang zum Parkdeck. Gibt es Geister?
Ich stehe auf und gehe über den Teppich zur Bar. Hier hätte man tanzen können. Einen Schein lang schicke ich das Licht der Taschenlampe nach oben in die Ecke von Paul Sauer. Spielverderber. Du wolltest ein düsteres Haus. Das ganze dunkle Holz sagt es. Wenn sich die Angestellten vor ihrem Chef fürchten, dann ist das auch nicht gut für die Gäste, hat Agreiter gesagt. Ein Vogel setzt sich auf den Lichtschacht. Sein Schatten fällt gegen den eines Stuhls auf dem Teppich.
Gegen die Angst hilft nur der klare Verstand, sagt man. Ich glaube das nicht.
Was hilft, ist Vertrauen. Ich drehe die Barhocker. Die Gläser im Hängeschrank reflektieren den Schein. Etwas riecht. Prost. Hinter der Bar ein Gang und Kühlräume. Hier riecht es nach Moder. Ich lege einen großen Hebel um und öffne die Tür. Hinten hätte ich gerne Augen. Der Raum ist leer. Mit der Schulter schramme ich gegen ein kleines Kästchen an der Wand. Aua! Idiot.
Die Telefonkabinen. Ich trete in eine. Plötzlich geht das Licht an. Ich erschrecke. Im Herausspringen wird mir klar, dass das ein Mechanismus ist, der auf Druck reagiert. Dann schlägt mir noch die Tür gegen den rechten Ellbogen. Immer auf den Punkt. Ich verfluche diese Tür. Als wären überall Fallen aufgestellt, nur um mich zu ärgern.
Es ist kühler geworden. Und heller. Der Mond muss jetzt über dem Dach stehen.
Ich steige die Treppen zum Restaurant hinauf. Mit der niedrigen Decke über dem Kopf hat man das Gefühl, zusammengestaucht zu werden.
Die Küche mit dem Stahl. Das ist wie ein See. Die blitzenden Dinge im Gegenlicht. Schieber für Dutzende von Spiegeleiern. Die Waschbecken. Der Fleischwolf. Die Messer. Die Beile. Eine tröstliche Ordnung. Fehlt eins? Da fehlt doch eins. Das gibt’s doch nicht. Augenblicklich vermesse ich sämtliche Fluchtwege. Die Titel aller Horrorfilme, die ich gesehen, und die ich nicht gesehen habe, fallen mir ein. Bis das Blut gefriert, Halloween, Sätze wie: Dieses Haus ist böse … Ich halte die Taschenlampe wie eine Waffe vor mich hin und drehe mich im Kreis. Egal, wie lächerlich ich mir Sekunden später vorkommen werde. Ein helles Pfeifen, als würde jemand mit nassem Finger ein Glas zum Singen bringen. Schon fast ein Weinen.
Wem ist bang? Wie erwachsen muss man sein, um nicht zu zucken?
Das Licht von meinem Zimmer fällt auf den Gang.
Türe zu. Riegel vor.
Stelle den Stuhl unter die Türklinke. Untersuche Bad, Toilette, den Schlafraum, den Schrank, und schaue unter dem Bett nach Lebensformen. Wie ein Kind. Als ob sich da jemand versteckt haben könnte. Ich schaue noch mal in den Kleiderschrank. Kein Bügel.
Das helle Bad. Das Wasser hat die Farbe von Rost und schmeckt nach Metall.
Ich schaue wie ein verschreckter Hund, der endlich nach Hause gefunden hat.
In Sicherheit.
Der Mond steht vor dem Fenster. Weiß und kalt. Eine Leuchtreklame, Grüne’s Leihhäuser. Ein Auto wird angelassen. Jemand räumt zusammen. Durch das Fenster kommt frische Luft. Gut, dass man nicht allein auf der Welt ist.
Ich packe. In der Nacht hatte ich von Kleiderbügeln geträumt. Und davon, dass ich mich im Kühlraum mit jemandem getroffen hatte. Jack vielleicht. Heute ist ein neuer Tag. Ich sehe mich noch einmal im Zimmer um. Dann gehe ich. Die Treppe hinunter ins Foyer. Richtung Ausgang. Ich bin schon an der Tür und habe aufgeschlossen, da gehe ich doch noch zurück und drücke ein letztes Mal auf den Aufzugsknopf. Klingling … Jack Torrance wohnt hier nicht mehr.
Draußen fährt die Polizei vorbei. Aus dem Pferdewettbüro auf der anderen Straßenseite kommen schon jetzt Verlierer heraus. Die Grünstreifen sind dreckig, und Müll liegt da. Eine Taube sitzt am Rinnstein einer Parkbucht und schaut mich abschätzig an. Bloß weg hier!
Von Hugo Rupp, DIE ZEIT, 38/1999
Es freut mich einen “Gleichgesinnten” gefunden zu haben.Ich habe von ´79 bis´82 eine Lehre als Refa gemacht.Als ich ´99 nach München zurück kam um mit meiner Frau ein Hotel zu eröffnen und erfuhr was mit meinen gastronomischen Wurzeln passiert war,war ich schon sehr bestürzt.Wenn der alte Franz wissen würde welches Schicksal “unserem” Haus wiederfahren ist würde er sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen.
Im Angedenken an harte Lehrjahre
wünsche ich viele Grüße .T.Maaßen
Es gibt Bilder zu dieser Geschichte. Fragen sie bei der Zeit nach dem Namen des Fotografen. Vielleicht ist der so nett und macht ihnen ein paar Abzüge.
Herzliche Grüße
Hugo Rupp
Lieber Herr Rupp, lieber Herr Maaßen,
ich habe noch einen alten Hausprospekt des Metropol in einem meiner Hotel-Ordner gefunden, da sind auch Bilder drin. Wer will den haben ? Bitte einfach Ihre Postadresse an meine E-Mail-Adresse, dann schicke ich Ihnen den zu. Gruß Heidrun Mony